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Author Topic: Pro und Kontra versionsspezifischer Programmpfade am Beispiel OpenOffice 1.1.5  (Read 5691 times)

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Im Heise-Forum gab es vor einigen Tagen eine sehr emotional geführte Diskussion über OpenOffice 1.1.5 und Ergonomie, wobei unter anderem der Punkt Default-Installationsverzichnis für Aufruhr und heftige Kritik gesorgt hat. Da sich das Heise-Forum leider eher zum Abreagieren und Beleidigen als für eine sachliche Diskussion eignet, hier mal ein paar tiefer gehende Gedanken zum Pro und Kontra von versionsspezifischen Installationsverzeichnissen, wobei mir zum Pro eher wenig einfällt ;-)

OpenOffice 1.x installiert sich auf einem Windows-PC standardmäßig in ein Verzeichnis der Form C:\Programme\OpenOffice.org1.1.3\ Werden nachfolgende Versionen installiert, entsteht dort eine ganze Reihe von Programmverzeichnissen, wie

C:\Programme\OpenOffice.org1.1.4
C:\Programme\OpenOffice.org1.1.5
C:\Programme\OpenOffice.org 1.9.125

usw., es sei denn, man deinstalliert zuvor die bisherigen Versionen. Nach Aussage von OO-Spezialisten lassen sich die verschiedenen Versionen parallel betreiben, was per se eigentlich ein schönes Feature ist.

Argumente für versionsspezifische Programmpfade

  • Weisen neue Programmversionen Fehler auf, kann notfalls auch die alte Version aufgerufen werden. Das erlaubt ein einfachse Fall-Back, was in Netzwerkumgebungen hilfreich sein kann.
    Kommentar: Das ist für Entwickler, Power-User und in besonderen Umgebungen sicherlich wichtig und sinnvoll, „normale“ Anwender dürften unteschiedliche Programmversionen jedoch kaum bewusst nutzen, sie arbeiten mit der Version, die sich beim Doppelklick auf ein Dokument öffnet, und sind eher verwirrt wenn mehrere Versionen zur Auswahl stehen.
  • Die Programmierer von OpenOffice haben sich schon was dabei gedacht. (O-Ton im Heise-Forum)
    Kommetar: überflüssig.

Argumente gegen versionsspezifischen Programmpfade

  • Unterschiedliche Default-Pfade ermutigen zum Parallelbetrieb mehrerer Programmversionen, was innerhalb eines Netzwerks den Administrationsaufwand. erhöht. Bei automatisch verteilten Patches, Updates und Voreinstellungen müssen immer auch alle jemals installierten Vorversionen berücksichtigt werden, was  den Verwaltungsaufwand vervielfacht, weil keine gesicherten Annahmen mehr gemacht werden können, welche Versionen auf einem bestimmten PC tatsächlich installiert sind. Wie soll beispielsweise der Aufruf eines Dokuments mit OO (statt mit Word) im Netz erzwungen werden, wenn nicht alle den gleichen Programmpfad haben? Suchpfade sind dafür jedenfalls nicht geeignet.
  • Mehrere verschiedene Versionen des gleichen Programms erhöhen die Gefahr, dass die älteren Versionen entweder unwissentlich, oder auch nur deshalb verwendet werden, weil der Benutzer mit der neuen Version nicht zurechtkommt oder dort einfach nur ein bestimmtes Feature nicht mehr findet. Verschiedene Programmversionen innerhalb der Arbeitsgruppe sind für den Datenaustausch nicht optimal.
  • Erhöhter Support-Aufwand, weil ältere Programmversionen weiter vom Helpdesk unterstützt werden müssen und vom Benutzer die Angabe seiner Programmversion erforderlich ist. Die Erfahrung zeigt, dass selbst große Softwareanbieter, wie Oracle, SAP und Microsoft in ihren Produkten schlampig arbeiten, und in Registry-Einträgen Programmpfade eingeben, oder im schlimmsten Fall sogar im Programmcode explizit einbrennen. Werden verschiedene Programmversionen in beliebiger Reihenfolge installiert und später teilweise wieder deinstalliert, bleibt in der Regel ein Zoo von Verzeichnissen, Registry-Einträgen und Ini-Files aller jemals installierten Programmversionen zurück, was mit Sicherheit nicht zur Stabilität des Programms beiträgt.
  • Praktisch keine umfangreiche Software kommt ohne gemeinsam installierte Komponenten aus. Bei der anschließenden Deinstallation einer der Versionen kommt es daher naturgemäß zu Nebeneffekten, die von den Programmierern nur schwer vorauszusehen sind. Diese Probleme würde sich vrringern, wenn die Installation standardmäßig in einem einzigen Verzeichnis erfolgen würde, bei einem Update also die vorherige Version deinstalliert wird.
  • Wenn der Default-Prgammpfad einer Software programmspezifisch ist, stellt die Möglichkeit zur manuellen Wahl eines Standardverzeichnisses nur bedingt eine nutzbare Alternative dar, und zwar aus zwei Gründen: Der Test einer Software erfolgt in der Regel mit den Default-Einstellungen. Ändert man diese, riskiert man unstabllere Systeme, möglicherweise erst in ein paar Jahren nach den nächsten Updates. Wer schon einmal Rechner mit mehreren unterschiedlichen MS-Office-Versionen in manuell gewählten Programmverzeichnissen gesehen hat, weiß wovon ich rede. Das liegt nicht an der Dummheit der MS-Programmierer, sondern an der zunehmenden Komplexität, die auch für OO-Programmierer eine Herausforderung darstellt. Zweitens riskiert man bei manuell modifizierten Programmverzeichnissen immer, dass manuell durchgeführte Reparaturen durch nochmaliges Installieren versehentlich zwei verschiedene Programmverzeichnisse mit der gleichen Version hinterlassen, sofern das Installationsprogramm dies nicht abfängt. Selbst in weitgehend „geschlossenen“ Windows-Netzwerken lässt sich das Risiko solch unerwünschter Selbsthilfe-Aktionen (z.B. von lokalen IT-Betreuern in der Arbeitsgruppe) nicht völlig ausschließen.
  • Die OpenOffice-Implemtentierung lässt zwar die Installation der neuen Version im bestehenden Verzeichnis zu, und entfernt dann die vorhandene Version, vergisst aber das Entfernen aus der Windows-Softwareliste. Möchte man später eine dort aufgeführte, ältere Version deinstallieren, entfernt man damit nicht diese, sondern die neueste Version! In der  neuen Beta-Version von OpenOffice 2.0 ist konsequenterweise die Möglichkeit zur Angabe eines anderen Installationsverzeichnissses ganz verschwunden.
  • Ein erfolgreiches Projekt wie Mozilla Firefox installiert sein Programm ganz selbstverständlich im Standardverzeichnis C:\Programm\Mozilla Firefox\ und geht damit erfolgreich allen Folgeproblemen unterschiedlicher Versionen aus dem Weg.

Könnte es sein, dass das Festhalten der OpenOffice Community an dieser Doktrin ganz einfach daran liegt, dass Sun als treibende Kraft diese Richtung vorgibt? Schließlich gehört Sun mit seiner Jave JRE zum Verfechter der Versionsspezifischen Programmpfade.

Ich weiss dass es Netzwerkadministratoren gibt, die ganz wehement einen anderen Standpunkt vertreten. Sachliche Gegenargumente sind hier herzlich willkommen!
« Last Edit: Sunday, 18.09.2005 16:25 by admin »